's Heftpflaster

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    's Heftpflaster 04/21

    Top Thema, Gesundheit

    Stimmungstief vs. Depression

    Im Gespräch mit PD Dr. med. Bernd Krämer vom Psychiatriezentrums Breitenau der Spitäler Schaffhausen erörtert Claudia Philippek den Ursprung von Depressionen und wie sie frühzeitig erkannt und behandelt werden können.

    Ein Kunde kommt mit einer Verstimmung in die Apotheke. Welche Fragen stellen wir, um ein vorübergehendes Stimmungstief von einer Depression abzugrenzen?

    Ein wichtiges Erkennungsmerkmal einer Depression ist, dass sich jemand länger als vier Wochen fast durchgängig niedergeschlagen fühlt. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um eine Depression und nicht nur um ein Stimmungstief handelt. Ausserdem ist die Kombination von depressiver Stimmungslage und der Verlust an Interessen und Freude an fast allen Aktivitäten ein wichtiges Kriterium, das auf ca. 90 Prozent der depressiven Menschen zutrifft. Besteht erst ein Verdacht, muss spezifischer abgefragt werden, ob zum Beispiel Lebensüberdruss, niedriger Selbstwert, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, körperliche Symptome oder ein Libidomangel vorliegen. Je nach Anzahl erfüllter Depressionskriterien nach ICD-10 werden die Beschwerden einer leichten, mittelschweren oder schweren Depression zugeordnet.

    Wie gilt es, die Triage in den Apotheken zu steuern? Wann muss ein Patient zum Arzt geschickt werden?

    Bei Menschen mit leichter Depression ist die Überweisung an einen Arzt nicht dringend notwendig. Anhand von aktiv-abwartender Begleitung («watchful waiting») kann dem Patienten beispielsweise ein Johanniskraut- oder ein Safran-Melisse- Präparat empfohlen und nach einer Woche kontrolliert werden, wie es der Person geht. Gerade, wenn eine Person eine Vorliebe für Naturheilmittel hat, sind solche Präparate eine gute Option. Bei leichten bis mittelschweren Depressionen wirken sie nämlich ähnlich wie klinische Produkte. Der Patient sollte aber in der Apotheke informiert werden, dass auch Johanniskrautprodukte in therapeutischer Dosierung Neben- und Wechselwirkungen haben können.

    Bei einer mittelschweren Depression kann der Hausarzt entweder Psychotherapie oder eine Psychopharmaka-Therapie empfehlen. Wenn der Patient zuverlässig ist, kann auch hier mit einer Überweisung an den Facharzt gewartet werden und bei wöchentlichen Kontrollen überprüft werden, ob die Behandlung vertretbar ist. Je nachdem ist die Überweisung zum Facharzt für Psychiatrie empfehlenswert. Bei einer schweren Depression werden Psychotherapie und Psychopharmaka kombiniert und Fachspezialisten begleiten die Therapie. Essenziell ist die Begleitung des Psychiaters auch dann – egal, ob leichte, mittelschwere oder schwere Depression – wenn der Lebensüberdruss in die Suizidalität umschwenkt.

       

    Zur Person

    HP0421_Im Gespräch mit Dr Kraemer

    PD Dr. med. Bernd Krämer ist der Leiter der Psychiatrischen Dienste und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Psychiatriezentrum Breitenau, das zu den Spitälern Schaffhausen gehört.

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    Wie entstehen Depressionen? Welche Risikofaktoren gibt es?

    Ein wichtiger Teil der Erklärung auf biochemischer Ebene liefert die Neurotransmittertheorie, die den Ursprung von Depression auf einen Mangel der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin zurückführt.

    Auch erbliche Faktoren, beispielsweise eine unterschiedliche Genausstattung, können Depressionen begünstigen. Ferner beeinflussen psychosoziale Aspekte wie die Belastung durch Krisen, Krankheit und Lebensereignisse die Entstehung von Depressionen. Hier können wir aktuell die Auswirkungen der Corona-Pandemie beobachten. Sie brachte eine enorme Belastung durch die Lebenseinschränkungen, d.h. dass der Alltag nicht mehr wie gewollt gestaltet werden konnte. In solchen Situationen ist die Resilienz, die psychische Widerstandskraft gegenüber Belastungen ein wichtiger Gesundheitsfaktor. Schützende Faktoren sind ausserdem Humor, Geselligkeit und Austausch mit anderen Personen bis hin zu Glaube und Religiosität.

    In der Epigenetik wird der Einfluss von Umwelteinflüssen auf die Gene beschrieben. Schlimme Erfahrungen, zum Beispiel Kriegserlebnisse können im Sinne einer veränderten Genfunktion vererbt werden und so die Nachfahren verletzlicher gegenüber Belastung machen. Auch negative Erfahrungen im Kindesalter, wie zum Beispiel Missbrauch, können zu einer Veränderung der Funktionalität des Genoms führen und das Kind und den späteren Erwachsenen für Depressionen prädisponieren.

    Alte Menschen leiden häufig unerkannt an einer Altersdepression. Manchmal wird diese mit einer Demenz verwechselt. Worauf müssen Angehörige oder Pflegekräfte achten?

    Demenz und Depression haben Überschneidungen im Beschwerdebild. So können Interessenverlust, Konzentrationsstörungen, Appetitmangel, Vergesslichkeit auf beide psychischen Störungen hinweisen. Es gibt aber eindeutige Unterscheidungsmerkmale, die eine ärztliche Diagnose zulassen. Auch sollte eine allfällige depressionsfördernde Wirkung von Medikamenten beobachtet und hinterfragt werden.

    Ein neuer Lebensabschnitt wie die Pension oder starke Einschränkungen in Gesundheit oder Vitalität können auch eine Belastung darstellen und Depressionen fördern.

    Was kann jeder von uns für seine geistige Gesundheit tun?

    An der biologischen Prädisposition können wir wenig ändern. Umso wichtiger sind die sozialen Aspekte: Soziale Unterstützung und Begleitung sind wichtige Faktoren, um mental fit zu bleiben. Auch ein Hobby, das Ausüben von persönlichen Vorlieben und das regelmässige Treffen mit Freunden wirken sich positiv auf die Stimmungslage aus. Weiter ist sportliche Aktivität wichtig, denn deren antidepressive Wirkung – wenn auch mit kleinen bis mittleren Effekten – ist erwiesen. Besonders im Winter sollte man auch ins Freie gehen, um genügend Licht zu bekommen. Die saisonale Winterdepression spricht gut auf eine Lichttherapie an und verschwindet in den Sommermonaten spontan.

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