Obsolete Medikamente: Phenacetin

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Nachdem 1640 in Europa die Chinarinde eingeführt worden war, waren sie und später das daraus gewonnene Chinin für lange Zeit die einzigen zuverlässig wirkenden Antipyretica (=fiebersenkende Mittel). Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte man auch die fiebersenkende Wirkung von der Weidenrinde und der darin enthaltenen Salicylsäure.

Da aber sowohl Chinin als auch Salicylsäure in höheren Dosen recht unangenehme Nebenwirkungen hatten, suchte man nach andern neuen Fiebermitteln, und dies auf synthetischen Wegen.

Ausgehend von Chinin, dessen Wirkung - aber nicht die Struktur - bekannt war, fand sich bei Experimenten ein immer wieder auftretendes Spaltprodukt - Chinolin - das chemisch weiter entwickelt wurde. Diese Derivate (Abkömmlinge) zeigten sich als fiebersenkend als auch desinfizierend, erzeugten aber leicht Kollapse.[1]

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Wie so oft, wenn etwas bahnbrechend Neues entdeckt wird, spielt der Zufall und die Verwechslung auch bei der Entdeckung von Phenacetin eine grosse Rolle!
So hat der berühmte Chemiker und spätere Nobelpreisträger Emil Fischer in seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen während seiner Gymnasialzeit folgendes über die Entdeckung von Phenacetin geschrieben:

...An diese Bemühungen knüpfte sich eine andere Erfindung, deren Zustandekommen wie eine Anekdote anmutet.

Infolge der Empfehlung des Naphtalins als Antiseptikum von Ernst Fischer kamen 2 Assistenten der Klinik für innere Medizin zu Strassburg auf den Gedanken, den Kohlenwasserstoff zur Desinfektion des Darms im krankhaften Zustande zu verwenden.

Naphtalin
Sie bestellten das Mittel bei einer Strassburger Drogenhandlung mit dem Bemerken, daß es ganz rein sein müsse, und sie erhielten dann auch ein Präparat, von dem das Geschäft behauptete, es sei so rein, dass es keinen Geruch mehr habe. Als sie nun dieses Mittel bei fiebernden Darmkranken anwendeten, beobachteten sie das rasche Sinken der Temperatur.
Glücklicherweise war der eine Mediziner
, ein Bruder des Chemikers Eduard Hepp, auch chemisch gut gebildet, und er kam bald zu der Überzeugung, dass das von ihnen angewendete Mittel kein Naphtalin sei.
Die chemische Untersuchung durch Eduard Hepp ergab dann auch, dass es sich um Acetanilid handelte, welches der Drogist offenbar durch Verwechselung der Flaschen als Naphtalin geliefert hatte.
So ist das Acetanilid unter dem Namen Antifebrin ein bekanntes und noch jetzt namentlich in Ostasien viel gebrauchtes Fiebermittel geworden. In Europa wurde es verdrängt durch das Phenacetin, das im wesentlichen ein modifiziertes Antifebrin ist, und die gleiche fieberstillende Atomgruppe besitzt.

Es scheint mir nützlich, solche Zusammenhänge zu schildern, nicht allein aus historischen Gründen, sondern auch als neues Beispiel dafür, dass häufig der Zufall bei Erfindungen mitspielt. [4]

Eduard Hepp jedenfalls entwickelte anschliessend das besser verträgliche Phenacetin daraus.
Phenacetin ist ein kristallines Pulver ohne Farbe und Geruch und es schmeckt schwach bitter auf der Zunge.

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Eduard Hepp (11.6.1851 – 18.6.1917), Chemiker aus Strassbourg, arbeitete nach seinem Studium (Paris, Heidelberg und Strassbourg) bei verschiedenen chemischen Fabriken in Deutschland, wo er massgeblich in der Farstoffchemie einige wichtige Entdeckungen (Azofarbstoffe) machte, bevor es ihm gelang aus einem 'Abfallprodukt der Farbstoffgewinnung' die Antipyrine syntheisch herzustellen, und Phenacetin entdeckte, wie oben beschrieben[3]

Phenacetin wirkt schmerzstillend, fiebersenkend und leicht entzündungshemmend, eigentlich ganz ähnlich wie Aspirin. Es wurde in Einzeldosen von 200-400mg eingenommen.
Weiter kann Phenacetin ein Gefühl der Ruhe und Schläfrigkeit, beinahe wie ein leichtes Schlafmittel, aber auch Euphorie, Erregung und verbesserte Leistungsfähigkeit bewirken. So soll eine Grossdosis von 2g Phenacetin bei gesunden Menschen Schläfrigkeit, Verwirrtheit, und auch ein Gefühl der Loslösung zur realen Welt bewirkt haben.
Vermutlich waren es genau diese Effekte, die zum Missbrauch führten.

Phenacetin galt als harmloses, sehr wirksames Schmerzmittel:
"Es wurde durch Kast und Hinsberg in den Arzneischatz eingeführt und dient als sehr wirksames Fiebermittel, welches keine lästigen Nebenerscheinungen hervorbringt. Als beruhigendes und schmerzstillendes Mittel wird es bei Migräne, Schlaflosigkeit und neurasthenischen Beschwerden benutzt, auch hat es sich bei Gelenkrheumatismus bewährt." [2]

Jahrelange regelmässige Einnahme grösserer Mengen von Phenacetin kann beim Menschen (allerdings nicht bei allen) nach 6-20 Jahren zu einer oft tödlichen Nierenschädigung führen. Zusätzlich wird auch ein Zusammenhang von Tumoren in der Niere mit der regelmässigen Phenacetineinnahme vermutet

Phenacetin wird im Körper in der Leber zum heute sehr gebräuchlichen Paracetamol umgewandelt. Paracetamol selber hat schmerzstillende und fiebersenkende Eigenschaften. Phenacetin hat aber selber schon verschiedene Wirkungen: es senkt Fieber, wirkt gegen Schmerzen, Neuralgien, leicht euphorisierend.
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1887 wurde Phenacetin als Arzneistoff eingeführt und anschliessend etwa 100 Jahre lang sehr breit bei jeglicher Art von Schmerzen, wie Rheuma, Zahnschmerzen, Migräne usw. angewandt.

Es wurde im Verlauf der Zeit in verschiedensten Kombinationspräparaten angeboten und auch beworben (!), wie folgende Beispiele zeigen:


Dolviran (Firma Bayer, 60-er Jahre)


Treupel Tabletten, Ausschnit aus einer alten Postkarte

Gelonida antineuralgica, Postkarte mit Werbung für das Medikament

Larodon, mit 250mg Phenacetin

Mindol-Merck, mit 100mg Phenacetin

Aber auch Melabon, Quadronal, Saridon, Thomapyrin, Treupel und viele mehr.

Einige dieser Präparate gibt es heute noch, allerdings haben diese in der Zwischenzeit ihre Zusammensetzung zum Teil mehrmals gändert!

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Phenacetin war in den 50-er damals Bestandteil in rund 200 der gebräuchlichsten Schmerztabletten, wie z.B. in Melabon, Saridon, Quadronal, Dolviran, Treupel oder Spalt-Tabletten.
Aber wegen seiner leicht euphorisierender Wirkung wurde es auch oft missbräuchlich, d.h. mehr und öfter eingenommen, als notwendig. Hauptsächlich in Kombinationspräparaten zusammen mit Coffein wurde es als 'Dopingmittel' zur Leistungssteigerung in der sich industrialisierenden Welt eingenommen, so in der Schweiz in der Uhrenindustrie im Jura.
Die Phenacetin-Krankheit (chronisch interstitielle Nephritis)

Sowohl schweizerische wie auch deutsche Ärzte beobachteten leider in der Nachkriegszeit ein starkes Zunehmen der gewohnheitsmässigen Einnahme von Schmerzmitteln, und es handelte sich um die Phenacetin-Krankheit.

In der deutschen Zeitschrift 'Spiegel' warnte 1958 der Chefarzt der Medizinischen Klinik des Bürgerspitals von Solothurn, Dr. Moeschlin:

"Ihre Ausbreitung hat in den letzten Jahren in erschreckendem Masse zugenommen, so daß man nicht genug auf die großen Gefahren dieser Sucht hinweisen kann." Dr. Moeschlin führt die seltsame Tablettensucht auf die "starke Zunahme nervöser ... Störungen durch die vermehrte Hast und Unruhe unserer heutigen Zeit" zurück, aber auch auf das "Ansteigen der Akkordarbeit, die vom Arbeiter eine immer stärkere Konzentration und Anspannung erfordert, der er nicht immer gewachsen ist, und die ihn dann dazu verleitet, durch solche Mittel eine vermeintliche Mehrleistung zu erzielen".

Dies war eigentlich eine korrekte Beschreibung der Situation, wie sie in den Uhrenfabriken entlang des schweizer Juras gegeben war.

Weiter führte Dr. Moeschlin aus:

"werden eventuelle Unlustgefühle sowie unangenehme Körpersensationen, Kopfschmerzen und Katergefühl aufgehoben und durch eine angenehme Euphorie verdeckt; das Koffein behebt als Anregungs- und Weckmittel eventuelle Ermüdungserscheinungen. Die meistens gleichzeitig vorhandene Nervosität wird durch die kleine Beigabe des Sedativums (Beruhigungsmittels) gedämpft oder ausgeschaltet. So kommt tatsächlich für einige Stunden bei gewissen Menschen eine vermehrte Arbeitsleistung zustande, die allerdings bald einem darauf folgenden Phenacetin-Kater weicht, welchen der Süchtige nun gewöhnlich durch erneute Tabletteneinnahme zu betäuben versucht."

Da bei den 'Kopfscherz-Patienten' schliesslich eine Gewöhnung eintrat, erfolgte eine stete Dosissteigerung von anfänglich 1-3 Tabletten pro Tag auf bis zu 30 Tabletten, was dann einer Menge von etwa 7.5 g Phenacetin entsprach!
80 Prozent der Phenacetin-Süchtigen sind nach übereinstimmenden ärztlichen Berichten Frauen.


Schweizer Uhrenatelier der 50-er Jahre [5]
Für alle Arbeiten in der «Tavannes Watch Co.» in Tavannes waren äusserst gute Augen und eine ruhige Hand gefragt!

Schweizer Uhrenatelier um 1938
Vom heutigen Standpunkt seltsam anmutende Berichte über den Konsum von phenacetinhaltigen Medikamenten sind bekannt:
In gewissen Uhrenfabriken seinen Saridon-Tabletten in grossen Packungen für die Arbeiter bereit gelegen. Diese Arbeiter litten besonders häufig unter Kopfschmerzen, die Präzisionsarbeit ihre Augen chronisch überanstrengten.
oder:
In Basler Cafés hätte man einen "Kaffee mit" bestellen können. Das geheimnisvolle knappe "mit" sei in diesem Fall das Stichwort für eine Saridon -Tablette.
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Die Folge der regelmässigen Einnahme solch hoher Dosen blieb nicht aus: Nierenschädigungen. Das Nierengewebe entzündet sich unbemerkt, die Nieren arbeiten aber noch jahrelang weiter (zunehmende chronische Niereninsuffizienz), bis sie so geschädigt ist, dass sie schlagartig ihre Tätigkeit blockiert.
Obwohl anfangs nur Phenacetin für nierenschädigend gehalten wurde, sind auch andere Schmerzmittel, vor allem Kombinationspräparate, in Verruf geraten ( Aspirin, Paracetamol).
Als direkte Folge davon wurde in den 1980-er Jahren Phenacetin in Deutschland und in der Schweiz verboten, und später auch die meisten Kombinationspräparate aus dem Handel verbannt.
Der Ersatz: Paracetamol

Ersetzt wurde damals das Phenacetin durch seinen Metaboliten (Abbauprodukt im Körper) Paracetamol, welches seither jahrzehntelang als harmloses, verträgliches, sicheres und günstiges Schmerzmittel propagiert wurde.
Aber auch da sind Stimmen laut geworden, dass es das 'harmlose' Schmerzmittel nicht gibt.

4-Ethoxy-Acetanilid, (4-Ethoxyphenyl)-acetamid, 2,3 -Dihydro-1,5 -dimethy 1-2-2-pheny 1 -1 H-pyrazol-3 on, p-Ethoxyacetanilid, Acet-p-phenetidin, 4-Acetamino-phenol-ethylether, 4-Acetaminophenetol, Acetophenetidin, Acetylphenetidin, Paracetophenetidin, p-Acetophenethidin, p-Phenetidin, Phenazon

Paracetamol, alt, bewährt und harmlos? (Ärztezeitung)
Ein Tag im Leben einer Uhrmacherin
 
[1] E. Poulsson, Lehrbuch der Pharmakologie (1940)
[2] Meyers Konversationslexikon 1885-1892
[3] Flemming Hans Walter: „Hepp, Eduard“ (Neue Deutsche Biographie 8)
[4] Fischer, Emil: Aus meinem Leben. Herausgegeben von M. Bergmann, Berlin: Julius Springer, 1922.
[5] Pierre-Yves Donzé: Das Uhrenstatut 2010
by Isabelle Quinter

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